Praxis – An guten wie an schlechten Tagen

 

Nachdem ich fast die Hälfte des Theorieunterrichts hinter mich gebracht hatte, war es endlich soweit: Die Fahrstunden begannen.

Die Probefahrstunde hatte ich bereits mit Leih-Klamotten meiner Fahrschule bewältigt. Ist zwar praktisch, aber gerade im Hochsommer auch manchmal etwas… muffelig. 😉

Helm und Schuhe hatte ich mir daher bereits für den Führerschein gekauft. Da ich recht klein bin, hatte ich durch meine eigenen Schuhe die Möglichkeit 6 cm drauf zu schummeln und auch bei meinem Helm wusste ich, dass er sorgfältig behandelt wurde.

Die Motorradklamotten lieh ich aber weiterhin aus. Zum einen war ich mir noch nicht sicher, in welche Richtung sich mein „Fahren“ entwickeln würde und welche Klamotten sich dafür am besten eignen würden. Zum anderen: wo kann man sonst so viele verschiedene Marken und Materialien kostenlos testen? Außerdem kosten gute Motorradklamotten eine Menge Geld, das ich im Moment bereits für den Führerschein ausgab.

Mein Fahrschul-Motorrad war eine tiefergelegte BMW F 650 GS. Die erste richtige Fahrstunde war dann nicht gerade grandios.

Für die Kupplung besaß ich kein Gefühl und ich hatte sogar Schwierigkeiten, den ersten Gang „einzutreten“! Angst hatte ich keine, aber doch ganz ordentlich Respekt vor dem Motorrad und ich war wahnsinnig nervös. Die neuen ungewohnten Plateau-Motorradstiefel trugen nicht unbedingt zum notwendigen Feingefühl bei.  Uwe, mein Fahrlehrer, ließ mich schließlich ein paar Mal im Stehen schalten und als ich den Dreh raus hatte, ging es aufwärts.

Die Fahrstunden zogen sich den ganzen restlichen Sommer hin. Vom strömenden Regen bis zu 38 Grad in praller Sonne war wirklich alles dabei. Auch sämtliche Verkehrssituationen, die man sich vorstellen konnte, erlebte ich bei meinen Stadtfahrten in München. Von dem Ball, der einem vors Moped rollt bis hin zu Autos, die einen zu Ausweichmanöver zwingen, weil sie das Motorrad nicht gesehen hatten. Das positive daran: Der Münchner Verkehrsmoloch ist eine gute Schule.

Es gab gute Tage und dann wieder Tage an denen gar nichts funktionierte. Ein solchen Tag hatte ich auf dem Übungsplatz: Nach einer Gefahrenbremsung legte ich mich hin. Die Bremsung an sich hatte noch gut funktioniert, im Stand konnte ich das Motorrad auf der linken Seite aber dann nicht halten – und fiel um.

Uwe war sofort zur Stelle, stellte den Motor mit dem Notknopf aus (das hatte ich im Schreck natürlich vergessen) und hob das Motorrad von mir runter.

Mal abgesehen von ein paar blauen Flecken hatte ich mir nicht wehgetan. Aber mich natürlich zu Tode erschreckt! Ich zitterte und Uwe tat das einzig richtige: Er blieb gelassen, sagte es sei ja nichts passiert und bestand darauf, dass ich sofort wieder aufsaß. Die restliche Stunde ließen wir es ruhig angehen. Ich war fertig,  aber wir brachten die Stunde gut zu Ende.

Auch sonst baute ich hin- und wieder richtigen Bockmist. Dank Headset konnte ich Uwe immer schön Fluchen hören. 😉  Aus Versehen auf die Autobahn, Überfahren einer roten Ampel, Einfahren in Straßen, in die Motorräder eigentlich nicht einfahren dürfen – was ich mitnehmen konnte, nahm ich mit und machte Uwe das ein oder andere Mal schlichtweg fassungslos damit.

Uwe malte nach den Fahrstunden die brenzligen Situationen an die Tafel. Diese Situationen haben sich mir tief tief tief eingebrannt. Und ich gebe es zu: an solchen Tagen endeten die Stunden schon auch mal mit Frusttränen.

Natürlich gab es aber auch die guten Tage. Tage, an denen man in idealer Linie locker durch die Kegel pendelt (Grundfahraufgabe) oder eine tolle, kurvige Überlandfahrt auf Landstraßen hinlegte.

Der kurze Moment, als wir nach einer tollen Stunde von der Autobahn über eine große Brücke nach München zurück fuhren, war mein persönlicher Moment. Die Autobahnfahrt lief prima, die Sonne ging gerade unter und strahlte die vor mir liegende Stadt dunkelrot an und da wusste ich: Yes! Motorradfahren ist mein Ding! Das waren die Tage, an denen ich Uwe mit fettem Grinsen verabschiedete.

Im Großen und Ganzen brauchte ich eindeutig mehr Stunden, als ich es von anderen mitbekam, dafür fühlte ich mich nach meiner letzten Fahrstunde wirklich gut gerüstet für die Praktische Prüfung.

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